Warschau; Warschau ist eine ganz besondere Stadt für mich. Es ist die Stadt, in der ein großer Teil meiner Familie wohnt, wo ich als Kind in den Ferien und zu wichtigen Feiertagen hinfuhr und die erste Stadt, in die ich mich verliebt habe. Es gibt allein in Europa eine Vielzahl aufregender und vielfältiger Metropolen doch mit keiner dieser Metropolen verbinde ich so viel wie mit der polnischen Hauptstadt. Als ich als kleines Kind Anfang der 2000er Jahre nach Warschau fuhr war die Stadt keineswegs eine Metropole. Sie war grau, chaotisch und alles andere als weltstädtisch. Es gab viele Jahre nicht einmal eine Autobahnanbindung. Doch wie ich aufwuchs veränderte sich Warschau rasant. Ich hatte fast das Gefühl, wir seien Altersgenossen und würden zeitgleich heranwachsen. Heute ist Warschau zu einer kosmopolitischen Metropole gereift, die selbstbewusst mit ihren europäischen Amtskolleginen mithalten kann. Es gibt ein funktionierendes öffentliches Verkehrsnetz, untertunnelten Autobahnen und der Flughafen hat sich zu einem bedeutsamen Drehkreuz entwickelt. Das Straßenbild ist gepflegt und organisiert. Doch das wichtigste ist weltoffen, tolerant und hat ein überwältigendes Kulturangebot, wie man es von einer Hauptstadt erwartet.  Ich könnte stundenlang von der Stadt schwärmen, die ich vermisse, egal wo ich mich auf der Welt befinde und die ich gelegentlich verfluche, wenn ich mich in ihr aufhalte. Doch das würde den Rahmen dieses Beitrags sprengen. Daher nehme ich Sie mit auf einen kleinen Stadtrundgang.

 

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Śródmieście

Wir beginnen unsere Entdeckungstour dort, wo wahrscheinlich die Meisten, die nach Warschau kommen, ankommen. Am Plac Defilad, ein zentraler Platz im zentralen Stadtviertel (Śródmieście), kurz im Zentrum der Stadt. Der gigantische offene Raum klafft wie eine Wunde im dichten Stadtgewebe Warschaus. Zu einer Seite befindet sich der Hauptbahnhof, auf der anderen Seite die U-Bahnstation Centum und in der Mitte der zentrale S-Bahnhof. Gestresste Menschen hetzen von einem Ende zum anderen und verschwinden schnell wieder in den unterirdischen Tunnelsystemen der verschiedenen Verkehrsmittel. In der Mitte des Platzes thront das wohl markanteste Bauwerk der Stadt, der Kulturpalast der Wissenschaft und Künste. Ein über 200m hoher Wolkenkratzer im architektonischen Stil des sozialistischen Klassizismus. Ein Geschenk Stalins an Polen, lange als Symbol der Unterdrückung verhasst konnte sich das Gebäude langsam zu einem angesagten Wahrzeichen emanzipieren. Doch selbstverständlich nicht ohne politisch und gesellschaftlich erhitzte Gemütsdebatten. Wie so oft in Polen scheiden sich auch im Bezug des Kulturpalastes die Geister. Auf der gegenüberliegenden Seite des ehemaligen Symbols des Sozialismus ranken sich die Tempel der kapitalistischen Stadt in die Höhe. Gläserne Hochhausfassaden funkeln bläulich am westlichen Rand des Stadtzentrums. Egal wie oft man nach Warschau fährt, die Perspektive auf das Finanzzentrum der Stadt bleibt nie unverändert. Es werden zahlreiche Prestigeprojekte zeitgleich realisiert. Unter Anderem entsteht in unmittelbarer Nachbarschaft zum Kulturpalast das höchste Gebäude der Europäischen Union.

 

Nach der Geschäftigkeit des Zentrums bietet die Altstadt genau das richtige Kontrastprogramm. Idyllische bunte Häuser, die sich harmonisch zu einer Einheit fügen, laden regelrecht dazu ein, sich in den engen Gässchen zu verlaufen und die Umwelt für einen kleinen Moment zu vergessen. Hinter dem roten Königsschloss beginnt die repräsentative Prachtstraße Krakowskie Przedmieście. Hier stehen historistische Prachtbauten, die wichtige Museen und bedeutsame Einrichtungen wie etwa die Warschauer Universität beherbergen. Am Ende des Rundgangs ist nur schwer zu glauben, dass es sich bei allen Gebäuden um eine Rekonstruktion handelt. Die Stadt wurde im Zweiten Weltkrieg in Schutt und Asche gelegt. In der Altstadt stand nach Kriegsende kein Gebäude mehr. Doch nach dem Inferno entschlossen sich die Polinnen und Polen ihre Hauptstadt wiederaufzubauen. Die Altstadt wurde mit kompromissloser Penibelheit eins zu eins wiederaufgebaut. In den 1980er Jahren befand die UNESCO die Rekonstruktion als tadellos und setzte die Warschauer Altstadt als erste Rekonstruktion auf ihre Weltkulturerbeliste.

 

Am Ende des Krakowskie Przedmieście kommen wir an eine künstliche Palme am Rondo Degoula, die die Kreuzung zwischen der Prachtstraße und der Jerusalem Allee säumt. Wir folgen der Straße und kommen schließlich auf eine nicht weniger repräsentative Achse, der Al. Ujazdowskie. Hier sind die wichtigsten ausländischen Botschaften und Ministerien angesiedelt. Gegenüber des Sitzes des Premierministers befindet sich der Eingang zu einen der einzigartigsten innerstädtischen Parks, die ich kenne. Die Łazienki Królewskie sind ein einige Quadratkilometer großer Park, der neben uralten, riesigen Bäumen, verschiedenen Seen, diversen Schlössern, Freilichtbühnen und Cafés auch verschiedenste Tiere beherbergt. Jeden Sonntag finden vor der imposanten Chopin Statue kostenlose und frei zugängliche Chopinkonzerte unter freiem Himmel statt. Sollten Sie das Konzert verpassen, reicht es auch aus sich auf eine der vielen Parkbänke zu setzten, durch Chopin-Etüden einem das Ausruhen versüßen. Bei schlechtem Wetter ist der Besuch im Chopin Museum ist auf jeden Fall empfehlenswert.

Wola

Wir nehmen nun die brandneue U-Bahnlinie Richtung Westen bis zur Endstation Rondo Daszyńskiego im Herzen des Stadtteils Wola. Die schillernden Hochhausfassaden, die moderne und gepflegte Gestaltung des öffentlichen Raums sowie das internationale Angebot an Restaurants und Cafés täuschen über die tragische Geschichte dieses Ortes hinweg. Vor dem Krieg war Wola ein klassisches Arbeiterviertel der unteren Mittelschicht. Einzelne Industriegebäude, die nun zu hochwertigen Lofts oder Bürogebäuden revitalisiert werden, zeugen noch von der industriellen Vergangenheit. Kaum zu sehen sind jedoch die ehemaligen Mietskasernen der Arbeiter. Dies hat einen traurigen Hintergrund. Im Jahr 1944 erhob sich die Warschauer Bevölkerung gegen die deutsche Besatzung. Im Zuge des Warschauer Aufstandes kamen bis zur Kapitulation der polnischen Seite viele Aufständische und Zivilisten ums Leben. Als Racheakt für den Aufstand kam es zum Massaker von Wola, in dem 50.000 Zivilisten durch die SS ermordet wurden. Das Viertel wurde anschließend, wie auch die Warschauer Innenstadt, akribisch in Schutt und Asche gelegt. Die Gebäude wurden markiert und mit Feuerwerfern abgebrannt. Heute erinnert nur noch das Museum des Warschauer Aufstandes, in unmittelbarer Nachbarschaft zum Rondo Daszyńskiego, an die grausame Vergangenheit. Ein Besuch ist auf jeden Fall zu empfehlen.

Praga

Nun nehmen wir die U-Bahn wieder zurück. Wir fahren nicht nur in die entgegengesetzte Himmelsrichtung aber auch in ein Viertel mit einer konträren Geschichte, nach Praga. Das Stadtviertel liegt auf der östlichen Seite der Weichsel und galt lange Zeit als Schmuddelecke der Stadt. Im Gegensatz zu Wola wurde Praga, als einziges Viertel der Stadt, kaum durch den Krieg in Mitleidenschaft gezogen, weshalb man hier noch reichlich Architektur aus der Zwischenkriegszeit findet. Nach der Eröffnung des neuen Nationalstadions im Zuge der Europameisterschaften 2012 und der Erschließung des Viertels durch die U-Bahn wurde ein klassischer Gentrifizierungsprozess in Gang gesetzt. Anfangs lockte das günstige aber plötzlich gut erreichbare Viertel Künstler und Kreative an. Ehemalige Fabrikhallen boten Platz für Ateliers, die zum Teil heruntergekommenen Altbauten waren im Vergleich zum Westteil der Stadt noch deutlich erschwinglicher. Mit der neuen Klientel eröffneten nach und nach Cafés, Bars und Clubs, sodass das Viertel insgesamt attraktiver wurde. Heute fließen enorme Investitionen nach Praga. Der ehemalige Hafen wird zu einem Luxusquartier, Google hat seine Kreativfabrik für Start-Ups mitten nach Praga verlegt und die bröckelnden Fassaden werden nach und nach saniert. Die Pioniere, die das Viertel einst für sich entdeckten müssen auf der Suche nach günstigen und großzügigen Flächen weiterziehen. Dennoch ist bis heute in einigen Seitenstraßen und Hinterhöfen der Charme des alten Praga erhalten geblieben und es herrscht weiterhin ein alternatives Flair vor. Nun noch ein kleiner Hinweis. Sollte man mit dem Taxi nach Praga fahren sollte man unbedingt „auf Praga“ fahren. Wer „nach Praga“ will, wird unter Umständen bis nach Tschechien gefahren.

 

Powisle und Mokotów

Um den Abend entspannt ausklingenzulassen fahre ich bei gutem Wetter am Liebsten in das Studentenviertel Powiśle. Zwischen den S-Bahnbrücken und dem Fluss haben sich einige Bars angesiedelt, die sich durch ihr entspanntes und weltoffenes Flair auszeichnen. Hier kann man getrost den Abend beginnen, bevor man sich anschließend entscheidet, auf welcher Weichselseite man die Nacht durchfeiern möchte. Auch tagsüber gibt es hier einiges zu sehen. Besonders empfehlenswert ist die Dachterrasse der Universitätsbibliothek, die frei zugänglich ist. Wer etwas mehr Auswahl an Bars sucht ist in Mokotów bestens aufgehoben. Das Viertel südlich des Stadtzentrums hat ein reiches und diverses Nachtleben. Hier ist mit Sicherheit für jede*n etwas dabei. Tagsüber ist das finnische Dorf ein echter Geheimtipp. Nach dem Krieg schenkte Finnland der Stadt Warschau einige finnische Holzhäuser für Notunterkünfte. Heute besteht das Dorf weiter fort. Die Häuschen werden heutzutage von der Stadt an Initiativen und Aktivisten vergeben. Tagsüber lässt sich dort immer etwas spannendes entdecken.

Haben Sie Interesse Warschau selbst kennenzulernen?

Ich hoffe ich konnte Ihnen nahebringen, warum ich Warschau als eine wirklich einzigartige und facettenreiche Stadt empfinde. Aber überzeugen Sie sich doch am besten selbst. Polenreisen hat ein umfangreiches Angebot für Warschau. Lernen Sie die polnische Hauptstadt im Rahmen der einwöchigen Städtereise nach Warschau intensiv kennen. Sie können natürlich auch eine kürzere Städtereise buchen oder nehmen sie unser Wochenendangebot in Anspruch. Sie können sich natürlich auch mit ihren ganz individuellen Wünschen an uns richten.

Ein Gastbeitrag von Patrick Bopp