Studienfahrt des Melanchthon-Gymnasiums Nürnberg nach Krakau und Auschwitz

Ein Reisebericht über die Studienfahrt des Melanchthon-Gymnasiums aus Nürnberg nach Krakau und Auschwitz

Vielfältige Perspektiven auf europäische Wertewurzeln

Es gibt viele Gründe, warum eine Studienfahrt 17-jähriger Gymnasiasten nicht ausschließlich in typische Länder humanistischer Bildung wie Griechenland oder Italien gehen sollte. Der vielleicht wichtigste Grund ist der, dass sich eine historische Erinnerung an die maßgebenden Einflüsse europäischer Wertewurzeln und Denkhaltungen auf unsere Kultur nicht in Denkmälern antiker Traditionen erschöpft, sondern eine Fortsetzung und aktualisierende Vertiefung durch einen Perspektivwechsel auf eine osteuropäische Geschichte produktiver und problematischer Gemeinsamkeiten im polnisch-deutschen Verhältnis zwischen dem Mittelalter und der Neuesten Geschichte finden sollte.

Krakau und Nürnberg: Eine Partnerschaft der Erinnerung

Diese Perspektive, die eine seit 1979 gepflegte Städtepartnerschaft zwischen Krakau und Nürnberg erfolgreich einnimmt, um die Schatten der Vergangenheit und Systemunterschiede zweier Nachbarvölker zu normalisieren, wurde auch von einer kleinen Studiengruppe des Melanchthon-Gymnasiums Nürnberg gewählt.

Veit Stoß und die Verbindung der Kulturen

Knapp 550 Jahre nach dem berühmten Nürnberger Bildhauer, Maler und Kupferstecher Veit Stoß, den es im Jahr 1477 ins jagiellonische Krakau verschlug, um unter anderem sein hervorragendes Hochaltarretabel in der dortigen Marienkirche zu erschaffen, nahmen sich die 11.-Klässler aus Nürnberg dankbar ein vielgestaltiges Programm vor – tatkräftig von Magdalena Tejwan-Bopp von Polenreisen im Krakauer Turm unterstützt, die die zahlreichen Aktivitätswünsche hervorragend berücksichtigt hat.

Kulturelle Erlebnisse und historische Sehenswürdigkeiten in Krakau

Lebendig die kulinarischen wie kulturellen Angebote einer pulsierenden, mediterran anmutenden Altstadt mit den einschlägigen historischen Sehenswürdigkeiten kombinierend nahm uns die belesene Fremdenführerin Agnieszka Czernecka am ersten Unternehmenstag an die Hand.

Auf dem Weg zum Wawel und dem akademischen Collegium Maius

Über den Wawel als schillernden Kulminationspunkt polnischer Königsgeschichte und traurigen Ort NS-deutscher Okkupationsanmaßung geleitete sie uns mit anschaulichen Legendenerklärungen über den beeindruckend-großzügigen Marktplatz des Ost-West-Handelsknotenpunktes, das akademische Collegium Maius in das gotische Herz katholischer Mariengläubigkeit.

Veit Stoß‘ Renaissance-Altar und ein Abendkonzert

Prunkvollste Sakralkunst gipfelte im Renaissance-Altar des Veit Stoß, der auf plastisch-natürliche Weise die Freuden und das Leiden Mariens darstellt. Wem dies noch nicht genug mittelalterlich-frühneuzeitliche Atmosphäre bereitete, der ließ bei einem klassischen Orgel- und Streicherkonzert in St. Peter und Paul den ereignisreichen Tag ausklingen.

Konfrontation mit dem Unbegreiflichen: Besuch in Auschwitz

Tag Zwei – Konfrontation mit dem Unbegreiflichen der KZ-Gedenkstätte Auschwitz: Wie bringt man jungen Menschen das unermessliche Leid von Millionen Opfern und die unauslöschliche Schuld deutschen Totalitätshandelns näher, um sie auf Demokratie und Verantwortung politischer Teilhabe an einem Völkerverständigungsanliegen im Sinne der Menschenwürde und der Gerechtigkeit zu verpflichten?

Es führt kein Weg an der individuellen Konfrontation mit der Unmittelbarkeit und persönlichen Betroffenheit vorbei, die das bedrückende Erfahren des Ortes größter Unmenschlichkeit jedem bereitet, der sich ihm stellt. Die museumspädagogische Aufbereitung sowohl des Stammlagers Auschwitz als auch des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau löst dabei die Anonymität der unvorstellbaren Masse an Opfern in Schrift und Bild auf, erzwingt ein Erinnern und Mitleiden am bestialischen Schicksal des Einzelnen, lenkt das Bewusstsein auf die ewige Unmöglichkeit der Täter, sich ihrer Verantwortung am Morden zu entziehen, und stärkt die Erkenntnis, dass es ein Vergessen und Wiederholen nie geben darf.

An welchem Erinnerungsort sollte das eindrücklicher und nachhaltiger passieren als in Auschwitz? Welche erlangte Haltung junger Menschen könnte erstrebenswerter sein als eine humanistische, die sich an der Vorstellung von Moral und höchstem Sittengesetz orientiert?

Klezmer-Musik und jüdisches Erbe in Krakau

Vor einem dritten Unternehmenstag braucht es eine Rückführung ins Leben und ins Fühlen des Lebendigen, hilft ein Klezmer-Abend im Klezmer-Hois. Die günstige Lage unseres gemütlichen Hostels „Tournet“ an der Grenze zwischen Altstadt und ehemaligem jüdischen Viertel gelegen nutzend holte uns die jiddische Seelenmusik in die Vereinbarkeit von Melancholie und Sanguinik zurück, genossen wir in einer Mischung aus Wohnzimmer, Bibliothek und Restaurant polnisch-hebräisches Essen und bereiteten uns somit auf den anstehenden Streifzug durch Kazimierz und Podgorze vor: Erlebbare aschkenasische Shtetl-Kultur, jüdische Architektur und Riten in Synagogen und im alten Friedhof – 68 mahnende Stühle auf dem Areal des ehemaligen Ghettos, das Museum Galicja zur Bewahrung der Erinnerung an eine wechselhaft blühende, eine zerstörte und eine überlebende jüdische Tradition in Krakau.

Und dann ein Zeitzeugen-Vortrag, auf Polnisch – emotional übersetzt durch eine mitfühlende Museumskraft –, von einer weißrussisch-polnischen Partisanin, einem Kind, das wie durch ein Wunder Auschwitz überlebte, einem erfahrenen Menschen, der ergreifend das Überstandene artikuliert und das Erkämpfte als lebenswertes Erinnern und zukünftiges Verantworten postuliert – Lidia Maksymowicz, eine Botschafterin für das überdauernde Gute, das Hoffen.

Unersetzliche Eindrücke und Dank an das Team

Zum Abschluss zeichnete das neue Schindler-Museum die polnisch-jüdisch-deutsche Geschichte der Weltkriegszeit nach, bleibt der Auftrag zu Gemeinsamem gegen das Entzweiende, geht eine Studienfahrt zu Ende, die den Anspruch formulieren lässt, dass solche Eindrücke und Einblicke durch nichts ersetzbar sind, jedem jungen Menschen, nicht nur dem geneigten, die antiken Perspektiven ausweitenden Melanchthonianer, zuteilwerden sollten.

Vielen lieben Dank dem Polenreisen-Team für die organisatorische Unterstützung bei der Umsetzung dieses beeindruckenden Programms – wir werden eure Expertise für diese Studienfahrt noch öfter einholen!

 

 

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