Auf den Spuren der Toten: Eine Reise durch Krakaus Vergangenheit und Traditionen

Autor: Patrick Bopp

24. November 2023

Er schreibt über polnische Städte und Reisen in Zeiten der Pandemie.

Der Herbst und der November bringen nicht nur kühles Wetter, sondern regen auch zum Nachdenken über Leben, Vergänglichkeit und Tod an. In Polen ist dies besonders spürbar, denn zu dieser Zeit erstrahlen polnische Friedhöfe in einem beeindruckenden Lichtermeer. Familien reisen zu den Gräbern ihrer Angehörigen, um Blumen niederzulegen, Kerzen anzuzünden und im hektischen Alltag innezuhalten, um ihren Lieben, Helden und Freunden zu gedenken.

Ein Spaziergang durch Krakau führt uns zu faszinierenden Orten, die eng mit dem Tod verbunden sind – Totenleuchten, Totenglocken und Friedhöfe. In unserer Serie erkunden wir diese mystischen Orte und tauchen ein in die Geschichte Krakaus. Heute begeben wir uns auf die Suche nach den Laternen für die Toten, die auch als Totenleuchten bekannt sind.

Totenleuchten

Totenleuchten, gemauerte Gebäude aus Stein oder Ziegeln, wurden im 12., 13. und 14. Jahrhundert in verschiedenen europäischen Ländern errichtet, darunter Frankreich, Norditalien, Österreich, Deutschland, Polen und die Tschechische Republik. Diese schlanken Gebäude waren oft mit Nischen an den Seiten versehen und wurden von einem überdachten Raum gekrönt, in dem Fackeln oder Kerzen für Sichtbarkeit sorgten. Ursprünglich dienten sie als Wegweiser zu Orten, die mit dem Tod in Verbindung standen, aber auch als Warnung vor Gefahren. Heutzutage gehen viele Menschen gleichgültig an ihnen vorbei, ohne zu wissen, dass sie einst Symbole für Schmerz, Leid und Vergänglichkeit waren.

In Krakau finden wir solche Totenleuchten, darunter einen Schrein für den Gottvater vor dem alten Friedhof in Podgórze, eine seltene Darstellung von Gott. Ebenso entdecken wir die Kapelle in der St.-Gertruda-Straße, die einst neben einem Krankenhaus für Geschlechtskrankheiten stand, sowie die älteste Totenleuchte in Krakau bei der St. Nikolaus-Kirche aus dem 14. Jahrhundert. Diese stand ursprünglich neben dem Leprosenhaus in Kleparz und warf Licht auf die düsteren Pfade, um vor Gefahren zu warnen.

Totenglocken

Eine weitere Besonderheit in Krakau sind die  Glocken für Sterbenden. Diese Tradition stammt aus dem Mittelalter und kam von Nürnberg nach Polen. Die Glocken und die nach ihrem Klang gesprochenen Gebete halfen den Sterbenden, sanft in die Ewigkeit überzugehen und erleichterten den Übergang. Die Menschen zahlten sogar eine kleine Gebühr, die als „Glockenmaut“ bekannt war, wenn sie die Priester baten, diese Glocken zu läuten. In Krakau sind drei solcher Glocken erhalten, in der Marienkirche, der Dominikanerkirche und der Reformationskirche.

Podgórze Friedhof

Ein bedeutender Ort in Krakau ist der alte Friedhof von Podgórze, der älteste städtische Friedhof der Stadt, der von etwa 1786 bis zum Ende des Ersten Weltkriegs in Betrieb war. Hier ruhen viele bedeutende Krakauer Bürger, Aktivisten und Künstler. Heute ist er ein verschlossenes Symbol für das Vergehen, doch er erzählt auch die Geschichte einer Stadt und ihrer Bewohner.

Inmitten der herbstlichen Atmosphäre und des Novembernebels verweilen die Gedanken der Krakauer weiterhin bei den Themen des Lebens, der Vergänglichkeit und des Todes. Das Lichtermeer auf den Friedhöfen verblasst langsam, während die Totenleuchten und Totenglocken weiterhin ihre stillen Geschichten erzählen. Die alten Friedhöfe von Krakau behüten weiterhin die Geheimnisse vergangener Generationen. Die Reise durch diese mystischen Orte hat uns nicht nur die Vergangenheit, sondern auch die tiefe Verwurzelung der Bräuche in dieser Stadt gezeigt. Inmitten der engen Gassen und historischen Gebäude wird klar, dass Krakau nicht nur eine Stadt der lebendigen Traditionen ist, sondern auch eine, die in ihren stillen Ecken die Spuren vergangener Zeiten bewahrt. So schließt sich der Kreis, wenn der Herbst  in Krakau Einzug hält und die Stadt in eine mystische Atmosphäre hüllt.

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